Mützen #17 und #18 sind da

Der Sommer brachte reiche Saat, deren Ernte im Herbst eingefahren wird, weshalb auch gleich zwei Hefte erschienen sind, Ende September Heft 17 und Anfang Oktober Heft 18, mit Gedichten von Svein Jarvoll, Marius Daniel Popescu, Konstantin Ames und John Ashbery und einigem an Prosa: Birgit Kempker fragt uns, wann wir eine literarische Figur lebens- und lesenswert finden; H.D. antwortet, welche Gestalt ihr in den Filmen ihrer Zeit sehenswert erschien; Thomas Schestag schaut nach dem aus, was im Rücken des Schreibers und Schreibens vor sich geht; Kurt Aebli übersetzt eine der wunderbar aus der Zeit gefallenen Erzählungen von Jude Stéfan; und Christian Steinbacher nutzt die Differenzen zweier Übersetzungen zum Ausscheren. Ein Schwerpunkt gilt Mara Genschel, die heuer mit dem Förderpreis zum Heimrad-Bäcker-Preis ausgezeichnet wurde: neben der Laudatio von Christian Steinbacher bringt Mütze die autofiktive Dankesrede der Preisträgerin. Michael Braun hat in seiner Zeitschriftenlese bereits auf die neuen Mützen und auf Mara Genschel hingewiesen:

Der Kritiker als überempfindliche Mimose und der Dichter als unendlich geduldiger Knecht, der die Züchtigung des Kritikers über sich ergehen lässt – auch das sind Konstellationen, die der aktuelle Literaturbetrieb kennt. Wie man sich eine forcierte Außenseiter-Position im meist konfliktscheuen Literaturbetrieb erhalten kann, lässt sich auch am Beispiel der eigensinnigen Dichterin und Poesie-Performerin Mara Genschel zeigen, die immer sehr unorthodoxe Darbietungsformen für ihre Texte wählt. Ihr jüngstes Projekt mit dem Titel „Cute Gedanken“, das heiter-schräge Protokoll eines Stipendienaufenthalts im amerikanischen Iowa, ist gewissermaßen aus der Zusammenarbeit eines registrierenden Tagebuch-Ichs und der Korrekturfunktion eines amerikanischen Mobiltelefons entstanden. Genschels Autorinnen-Ich notierte Überlegungen zu ihrem Aufenthalt in ihr amerikanisches Handy – und das Gerät verwandelte dank der rustikalen Korrekturfunktion die Aufzeichnungen in ein bizarres Brockenamerikanisch bzw Brockendeutsch. Der Eintrag „Ich bin einer von euch“ mutiert dann zu „Ich bin diner / von such“. Bei einer Lyriknacht in Stuttgart vermochte es Genschel, durch eine bizarre Live-Übersetzung des eigenwilligen Brockenamerikanisch die Zuhörer auf die Palme zu bringen. Der schlimmste Feind dieser Autorin ist eine biedere Literaturfrömmigkeit, der man erhabene Botschaften ablauschen will. Was für Genschel „Erhabenheit“ bedeutet, erklärt in der sehr erfrischenden Nummer 17 der Literaturzeitschrift „Mütze“ der Dichter Christian Steinbacher. In seiner Laudatio auf Genschel dechiffriert Steinbacher einige Verfahrensweisen der auf ästhetische Renitenz abonnierten Autorin. Ein Genschel-Text mit dem Titel „ERHABENES“, findet sich zum Beispiel in ihrem in mehreren Lieferungen erschienenen Lyrikheft „Referenzflächen“, das Genschel in geringer Auflage im Self-Publishing-Modus anbietet – und das zur Zeit nur als Leihgabe zu haben ist. Die Gedichte werden hier alle einem Verfahren der Überschreibung, Durchstreichung oder Überklebung unterzogen. Beim Text „ERHABENES“ werden zum Beispiel auf zwei gegenüberliegenden weißen Seiten zwei Tesafilm—Streifen platziert, jeder Streifen in sich so zusammengeschoben, dass eine Faltung entsteht. Im Durchstreichen und Überkleben poetischer Notate manifestiere sich eben – so der Genschel-Exeget Steinbacher – eine große „Freude an Schieflagen“. Solche postavantgardistischen Einübungen in die Herstellung ästhetischer Abweichungen und „Schieflagen“ gehört zum Erkenntnisvergnügen des „Mütze“-Herausgebers Urs Engeler. Im aktuellen Heft 18 der „Mütze“ präsentiert er ein fantastisches Interview mit dem amerikanischen Lyriker Robert Kelly, der in unglaublich geschliffenen Sentenzen das Erkenntnisglück beim Herstellen von Gedichten beschreibt. In Heft 17 sind auch grandiose minimalistische Maximen von Kelly zu lesen, die durch Lakonie überzeugen. Etwa die Maxime Nr. 198: „Schönheit ist eine Frage, die keine Antwort braucht.“ Oder die superkurze Poetik der Nr. 199: „Ein Gedicht ist ein kleines Ding, das viel Zeit braucht.“ Diese Zeit werden wir uns mit Hilfe von Zeitschriften weiter gönnen.

Michael Brauns Zeitschriftenlese findet sich hier, und hier ist die Besprechung von Jonis Hartmann bei fixpoetry.

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